banner4

Die Saale in Jena - ein Paradies für Radfahrer?

weiter zu Teil 2

Radfahren ist gesund, macht Spaß, spart Geld und schont die Umwelt. Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, der gegen dieses im Stadtverkehr sehr effektive und ökologische Verkehrsmittel spricht. Schon lange ist das Rad kein „Arme-Leute-Vehikel“ mehr. Im Gegenteil: Radfahren liegt voll im Trend und gewinnt zudem auch als Transportmittel im individualisierten Personennahverkehr an Bedeutung. Vor allem in den städtischen Ballungsräumen, wo mehr und mehr erkannt wird, wie gut einer Verlagerung des Verkehrs vom Auto aufs Rad den Menschen in der Stadt tut.

Etwa die Hälfte der Pkw-Fahrten in unseren Städten ist laut Angaben des Bundesumweltamtes kürzer als 5 km.[1]  Auf dieser Distanz ist das Rad das schnellste Fortbewegungsmittel. Die durchschnittliche Reisezeit liegt im Schnitt beim Rad auf solchen Kurzstrechen nicht nur unter der von Bus und Bahn, sondern das Fahrrad toppt in der Stadt auf Distanzen bis zu 5km sogar das Auto. Schätzungen des Bundesumweltamtes lassen erwarten, dass sich in Ballungszentren bis zu 30% des Autoverkehrs aufs Rad verlagern lassen, was zu einer deutlich spürbaren Entlastung der Umwelt führen würde. Das Reduktionspotential ist gerade für die Emission von CO2, Kohlenwasserstoffe und Benzol beträchtlich. Das heißt, weniger Autofahrten durch mehr Radverkehr bedeuten weniger Treibhausgase und Umweltgifte. Ganz davon zu schweigen, dass mit dem Autoverkehr auch eine beträchtliche Lärmquelle aus der Stadt verschwindet.


Radfahren in Jena

Bis 1990 wurde der Radverkehr in Jena komplett vernachlässigt. Die Schätzungen des Anteils der Radfahrer am Gesamtverkehr betragen zwischen 1 und 3,7 %. Die steigende Zahl der Studenten, die das Fahrrad als günstiges Fortbewegungsmittel nutzen, führte mit der Zeit zu einem beträchtlichen Zuwachs. 2008 sind schätzungsweise 10 % der Verkehrsteilnehmer mit dem Rad unterwegs. Das ehrgeizige Ziel des Jenaer Stadtarchitekten Dr. Lerm macht bei nicht weniger als 20% für 2010 fest. Die Steigerungsraten sind nicht allein auf den studentischen Zuwachs zurückzuführen, sondern auch auf das allgemein wachsende Umweltbewusstsein. Die akademische Bevölkerungsstruktur der Hochtechnologiestadt Jena begünstigt umweltbewusste Verhaltensformen und ökologische Einstellungen auf ganz besondere Weise. Für die Entwicklung des Radverkehrs ist dies eine große Chance, die nicht vertan werden sollte.

In der breiten Jenaer Bevölkerung ist das Fahrrad zudem ein sehr beliebtes Freizeit- und Sportinstrument. Aus der Bestandsaufnahme zur Sportentwicklungsplanung der Stadt Jena von 2007/2008 von KIJ geht hervor, dass das Radfahren die mit Abstand beliebteste und am häufigsten betriebene Sportart ist (20% der Nennungen). Erst mit großem Abstand folgen Schwimmen (12%), Wandern (12%) und Joggen (11%). Zudem geht aus der repräsentativen Befragung hervor, dass vor allem gesundheitliche Motive für das Sporttreiben der Jenaer eine Rolle spielen. Vor dem Spaß stehen Gesundheit, Fitness und Stressausgleich. Wichtig sind zudem das gemeinsame Erlebnis und die Naturerfahrung. Für das Wohlbefinden und soziale Leben der Jenaer Bewegungsaktiven ist das Radfahren von dementsprechend großer Bedeutung.


Fahrradfreundlichkeit als Standortfaktor

Die Stadt Jena geht war nicht davon aus, dass Jena in naher Zukunft das Image einer Fahrradstadt wie Erlangen, Münster oder Göttingen haben wird[2]. Allerdings ist man sich bewusst, dass Negativwerbung im Hinblick auf Jena als Wissenschaftsstandort unbedingt zu vermeiden ist. Daher müsse die Stadt weitere Anstrengungen unternehmen, um den Radverkehr durch den Radwegeausbau weiter zu fördern. Als Voraussetzung hierfür wird die Sicherung bzw. Steigerung der dafür vorgesehenen Haushaltsmittel angesehen (S. 7).

"Die reizvolle Landschaft in und um Jena, mit vielfältigen Möglichkeiten zum Radwandern und insbesondere zum sportlichen Radfahren, sind wichtige Aspekte der Tourismusförderung der Stadt. Wir wollen darauf achten, dass auch die umfänglichen Landschafts- und Naturschutzgebiete der Stadt durch beschilderte und ausgebaute Wege für den Radverkehr erschlossen bleiben.“ (ebd.)

Diesem Bekenntnis sollten Taten folgen. Denn der Vergleich mit anderen Studentenstädten zeigt, wie groß der Spielraum nach oben noch immer ist. So betrug 2002 beispielsweise in Erlangen der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr 32% und in Münster sogar 40%. Während diese beiden Städte sogar niederländische Verhältnisse erreichen, beträgt der Modal-Split in Jena für den Radverkehr 2002 nur 8%! Während Erlangen über Jahre hinweg jährlich zwischen 1 und 1,5 Mio Euro in den Ausbau des Radwegenetzes investiert hat, hat die Stadt Jena jeweils nur zwischen 80.000 und 100.000 Euro dafür zur Verfügung gestellt[3]. Diese Zahlen sind sicherlich nach oben hin ausbaufähig, zumal der Zusammenhang zwischen Investitionshöhe und verkehrspolitischem Steuerungseffekt auf der Hand liegt.

Langfristig wäre es zu wünschen, dass sich die die Hochtechnologie- und Universitätsstadt Jena die Förderung des Radverkehrs entschlossener auf die Fahnen schreibt. Mittlerweile gibt es zahlreiche vorbildliche kommunale Modellprojekte[4], die zeigen, wie das Konzept der „fußgänger- und fahrradfreundlichen Stadt“ mit relativ geringen haushalterischen Mitteln und klugen, teils auch unkonventionellen verkehrspolitischen Maßnahmen erfolgreich realisiert werden kann.


Für ein fahrradfreundliches Klima

Verkehrsförderung im Bereich Radverkehr beginnt zwar mit Wegebaumaßnahmen, darf aber dort nicht enden. Denn begleitend muss auch die Akzeptanz des Radfahrers als gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer verbessert werden. Hilfreich ist hierbei die Schaffung eines fahrradfreundlichen Klimas, das Radfahrer nicht pauschal kriminalisiert. Denn Rücksichtslosigkeit ist keine Frage des Verkehrsmittels.

Eine verantwortungsbewusste und rücksichtsvolle Nutzung des gemeinsamen Verkehrsraumes setzt allerdings voraus, dass die Verkehrsinfrastruktur ein geordnetes Nebeneinander überhaupt zulässt. Dort wo sich unterschiedliche Verkehrsteilnehmer im Kampf um den knappen Verkehrsraum in Konkurrenz zueinander sehen, kann es nur ein gefahrvolles Gegeneinander gehen. Eine Situation, die für alle Verkehrsteilnehmer nicht nur unbefriedigend ist, sondern auch mit Unfall-Risiken und Gesundheitsgefahren verbunden ist.

weiter zu Teil 2

_____
[1]http://www.umweltbundesamt.de/verkehr/verkehrstraeg/fussfahrad/texte/foerdnmiv.htm

[2]Antwort der Stadtverwaltung auf die „Große Anfrage“ der Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen ”Radverkehr in der Stadt Jena”, eingereicht Okt 2001, beantwortet durch Stadtverwaltung im Februar 2002

[3]Antwort der Stadtverwaltung auf die „Große Anfrage“ der Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen ”Radverkehr in der Stadt Jena”, eingereicht Okt 2001, beantwortet durch Stadtverwaltung im Februar 2002

[4]Siehe: „Modellvorhaben `Fußgänger- und fahrradfreundliche Stadt´: Chancen des Fuß- und Radverkehrsals Beitrag zur Umweltentlastung“; Schlussbericht, September 2005, Hrsg.: Bundesumweltamt (im Internet: http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/2989.pdf)

 

© 2017 SaaleVision Jena - von Brücke zu Brücke e.V.